Test Monument Valley 2: Viel laufen, wenig denken

von Michael Orth am 30. Juni 2017
Item Reviewed

Test Monument Valley 2: Viel laufen, wenig denken

Author

Okay. Vergessen wir mal den Hype. Den um des trotz „Vollpreis“ gigantisch verkauften Vorgängers, den im AppStore um Monument Valley 2 – blenden wir das alles einfach mal aus. Und testen einfach ein Denkspiel, dessen Vorgänger mit seiner einzigartigen Atmosphäre Quadrillionen in seinen Bann zog.

Dabei musste der rein spielerisch schon damals, Anfang 2014, einiges an Kritik einstecken. Er fing arg gemächlich an – und als es endlich richtig losging, war das Vergnügen auch schon wieder vorbei. Im Rennen um den virtuellen Spezialpokal „kürzestes Spiel im AppStore“ liegt Monument Valley auch heute noch gut im Rennen.

Gebannt starre ich also auf den Bildschirm, als sich das erste Monument vor meinem Auge aufbaut. Und muss feststellen: Teil 2 beginnt ähnlich langsam. Nein, noch viel, viel langsamer. So quälend langsam, dass ich mich alsbald in meiner Intelligenz beleidigt fühle. Vielleicht ist ustwo aber auch nur (selbst) der Meinung, dass zum Phänomen MV die eigentliche Spielbarkeit am wenigsten beigetragen hat. Ich weiß es nicht.

Rückblende: Im ersten MV fungierten die ersten Level als eine Art Tutorial. Erst so ab Abschnitt fünf, sechs musste man das erste Mal (kurz) nachdenken, wie es denn nun am besten weitergeht und was dazu zu tun ist. Das ist natürlich dann völlig okay, wenn dann noch mindestens 28 oder sogar 47 Level folgen. Taten sie aber nicht – nach dem zehnten war Schluss, vielerorts wurde MV als spielbare Demo verspottet.

Die Entwickler gelobten (Nach-)Besserung. Und lieferte sie in Form des kleinen, aber immerhin kostenlosen „Ida’s Dream“, sowie des 8-leveligen „Forgotten Shores. Letzteres gibt dem ersten Teil zwar etwas mehr Substanz, kostet aber auch nochmal 2,29 Euro.

Man möchte also meinen, ustwo hätte daraus gelernt. Aber nichts da: Diesmal sind es gleich sieben bis acht Abschnitte, in denen es praktisch nichts auch nur halbwegs Anspruchsvolles zu tun gibt. Und da jeder Abschnitt nicht nur etwas größer ausgefallen ist, sondern auch noch ein bisschen mehr Brimborium  (Dialoge, Blumen malen…) mit sich bringt, zieht sich die erste Stunde kaugummiartig dahin. Der geistige „Nettospielzeit-Zähler interaktiv“ steht da gerade mal irgendwo bei unter fünf Minuten.

Man mag es toleranterweise als entspannendes Zen-Erlebnis abtun. Oder dem Spiel zu Gute halten, dass garantiert keinerlei Frusterlebnisse auf einen warten. Wer hingegen auf etwas Tiefgang oder gar ein paar gescheite Gehirnzwirbler gehofft hatte, wird statt Gelassenheit schnell wachsenden Zorn verspüren.

Zwischendurch hielten mich nur die nach wie vor fantastischen Aufbauten und Konstruktionen bei Laune. Und so ab Level acht, neun füllen sie sich langsam auch mit Leben in Form von richtigen Spielelementen. Hoffnung keimt auf, zumal das Orakel immer wieder darüber… nun, orakelt, dass Mutter und Tochter noch einen langen Weg vor sich hätten. Als dann tatsächlich Level 11 erreicht und somit das Original in punkto Umfang schon mal übertrumpft ist, scheint sich alles noch zum Guten zu wenden. Entwickelt sich Monumental Valley 2 etwa doch noch zum spielerischen Schwergewicht, das auch „ernsthafte“ iOS-Spieler glücklich macht?

Das böse Erwachen folgt prompt. Ohne dass es sich groß erahnen ließe, ist nach Level 14 urplötzlich Schluss. Einfach so. Es bleibt die bittere Erkenntnis, dass sich der zweite Teil zwar länger hinzieht, aber noch weniger Substanz drinsteckt. Ja sicher: In den letzten drei, vier Abschnitten gibt es ein paar kleinere Kopfnüsse zu knacken; der Weg zum Ausgang wird zumindest minimal komplizierter. Aber letztendlich hat es ustwo über zwei Spiele und rund 40  Level hinweg nicht wirklich geschafft, dem fantastischen Konzept auch eine spielerische Seele zu geben. Ob sie nicht konnten oder, wie bereits angedeutet, einfach nicht wollten, sei mal dahingestellt.

Ärgerlich in dem Zusammenhang ist auch die Mutter-Tochter-Geschichte als Aufhänger für den zweiten Teil. Sie dient lediglich der – trotzdem dürren – Story. Meist steuert man eh nur eine der beiden Figuren. Und bei den wenigen gemeinsamen Auftritten von Ro und ihrer Tochter kommen sie exakt einmal wirklich nur gemeinsam (genauer gesagt abwechselnd) voran. Dass die Tochter am Anfang noch sehr klein ist, wird kein einziges Mal für ein sich geradezu aufdrängendes Rätsel ausgenutzt.

Der Rest bleibt wie gehabt: Es erwarten einen wundervolle Bilder in netter „Shader“-Grafik, eine sehr dichte Atmosphäre und esoterisch anmutende Klangcollagen. Wirklich einen draufsetzen konnte ustwo aber auch in dieser Disziplin nicht. Die oft und gerne erwähnten Escher-Werke zitiert MV2 vielleicht vier bis fünf Mal.

Tja, und damit wäre ich auch schon bei der Endabrechnung. Wer schon den ersten Teil supertollbombastischelefantös fand, kann locker eine Neuneinhalb zücken. Wer einen wirklich spielstarken Knobler erwartete, gibt geistig vier Punkte und spielt lieber zum achtzehnten Mal Tiny Thief durch. Als Gesamtkunstwerk ist mir Monument Valley 2 gerade noch so eine Sieben wert.

 

Das ist gut

- stimmungsvolle, entspannende Atmosphäre
- wundervolle Architektur, origineller Gesamtstil
- keine Frusterlebnisse
- potenziell spielstarke Puzzles

Das ist schlecht

- spielt sich großteils von selbst
- wenig spielerische Substanz
- Mutter-Tochter-Geschichte fast reine Staffage
- erneut sehr geringer Umfang

Bewertung
Unser Rating
User-Bewertung
Hier bewerten
Gesamtwertung
7.0
Fazit

Entspannende Zen-Erfahrung oder kapitaler Blender? Auch der zweite Teil von Monument Valley wird dauerhaft polarisieren. Fakt ist: Über weite Strecken streben Ro und ihre Tochter im spielerischen Leerlauf dem Ziel entgegen.

7.0
Gesamtwertung
User-Bewertung
Du hast dies bewertet
Kommentare
Antworten

Antwoten


*

Gesamtwertung

Schriften von Google Fonts. Icons von Fontello. Ganzes Impressum hier »